Der erste Museumszug – Das "Bernauer Viertel"

Bilder
Außenansicht
Steuerwagen 5447 in der Abendsonne
schwere Schäden durch Feuchtigkeit
Die Holztüren sind unwiederbringlich verwittert
Video einer Fahrt im Steuerwagen (2016)

Beschreibung

Als am 8. August 1924 der elektrische Betrieb auf der Vortortstrecke Bernau und im Folgejahr nach Oranienburg begann, suchte die Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft (DRG) nach einem geeigneten Fahrzeugtyp für die geplante „Große Elektrisierung der Stadt-, Ring- und Vorortbahnen". Die Versuchszüge und die Bauart Bernau erwiesen sich schnell als wenig geeignet. Erst die Bauart Oranienburg brachte den Durchbruch: gleichlange Trieb- und Beiwagen, alle Achsen des Triebwagens waren angetrieben. Aus den vierzehn Herstellerfirmen wählte die DRG sechs aus, welche als Lieferkartell die Großserie fertigen sollte, die eine Weiterentwicklung der Bauart Oranienburg darstellte: leichtere Wagenkästen, bessere elektrische Ausrüstung. Der Probezug traf 1927 in Berlin ein, im selben Jahr begann die Serienfertigung. Bis 1931 wurden insgesamt 1276 Wagen geliefert. Bis heute ein Rekord! Die Wagen kamen von den Firmen in das neu errichtete Reichsbahnausbesserungswerk Berlin-Schöneweide und wurden dort von den Elektrofirmen AEG und Siemens (als Lieferantenkartell unter dem Namen Wasseg zusammengeschlossen) sowie Bergmann Electricitäts-Werke (BEW) und Maffei-Schwarzkopf-Werke (MSW), ebenfalls eine Liefergemeinschaft, ausgerüstet. 

Die Fahrzeuge der Serienlieferung bestanden – wie schon der Probezug – anfangs aus Trieb- und Steuerwagen (461 Viertelzüge). Wegen des sich abzeichnenden großen Erfolges des neuen, seit 1930 so bezeichneten Verkehrsmittels S-Bahn, änderte die Reichsbahn die Bestellung in Bei- statt Steuerwagen (173 Viertelzüge), weil es kaum notwendig war, die Züge als kleinste betriebliche Einheit, dem Viertelzug, fahren zu lassen. Die Steuerwagen wurden ab 1942 durch Entnahme der Führerstandsausrüstungen zu Beiwagen umgebaut; später entfiel der Führerstandsraum zugunsten von Sitzplätzen, und statt der Fenster wurden Bleche eingebaut.

Mit den neuen Fahrzeugen begann am 6. Juni 1928 der elektrische Betrieb auf der Strecke Potsdam—Erkner, der ersten im Rahmen der Großen Elektrisierung. In den folgenden Jahrzehnten bildeten diese Fahrzeuge das Rückgrat der Berliner S-Bahn und wurden mehrfach modernisiert. So fuhren die Stadtbahner in Form der Baureihe 476/876 noch bis ins Jahr 2000 durch Berlin und das Umland. Diese Einsatzzeit von über 70 Jahren ist absolut untypisch für ein Schienenfahrzeug und war auch der besonderen politischen Situation in und um Berlin geschuldet.


Ministerium für Verkehrswesen der DDR  beschloss in den 1970er Jahren einige Zeugen der Eisenbahngeschichte zu erhalten, so auch bei der Berliner S-Bahn. Es sollte ein Viertelzug der Bauart Stadtbahn in den Auslieferungszustand von 1928 zurückversetzt werden. Allerdings waren nur noch wenige Züge verfügbar, bei denen die Steuerwagen nicht zu Beiwagen umgebaut worden waren. Man wurde beim Steuerviertelzug 275 659/660 fündig, der im Westberliner Netz zuletzt zwischen Zehlendorf und Düppel im Einsatz war.

Anfang 1984 begann die Restaurierung im Raw Schöneweide. Es mussten einige Kompromisse eingegangen werden, weil teilweise Originalzeichnungen und –teile nicht aufzufinden waren und andererseits betriebliche Erfordernisse einem detailgetreuen Rückbau entgegenstanden. Nach über zwei Jahren Umbauzeit konnten im Mai 1987 die ersten Probefahrten durchgeführt werden. Die offizielle Übergabe am Bahnhof Alexanderplatz am 28. Juni 1987 fiel nicht nur zufällig in die Zeit der Feierlichkeiten zur 750-Jahr-Feier Berlins.

Der Viertelzug war in den Folgejahren in der Triebwagenhalle Bernau stationiert, was ihm bis heute den Beinamen „Bernauer Viertel“ einbrachte. Als Ergänzung zum 2303/5447 ließ die Reichsbahn Ende der 80er Jahre weitere Viertelzüge restaurieren. So ergänzte bald der Viertelzug 3662/6121 das Bernauer Viertel zu einem Halbzug.

Das Fahrzeug ging in den Besitz der S-Bahn Berlin GmbH über und wurde zahlreich zu Charter- und Sonderfahrten eingesetzt. Mit Beginn der S-Bahn-Krise konnten diese Fahrten nicht mehr stattfinden, wobei die S-Bahn das Fahrzeug bedauerlicherweise mehrere Jahre im Außengelände des Werks Schöneweide abstellte. Obwohl das Fahrzeug bis Sommer 2013 eine Frist nach § 32 EBO hat, wird der Wiedereinsatz wegen dieser gedankenlosen Behandlung wohl noch viele Jahre dauern. Der Viertelzug hat schweren Schaden genommen: Die Holztüren sind aufgequollen, wobei sogar Beschläge deformiert wurden; der Außenlack ist teilweise verwittert und schlägt Blasen; die edle Inneneinrichtung zeigt Anzeichen von Fäulnis, Holzteile sind aufgequollen und verzogen.

Im Sommer 2016 wurde der Viertelzug für Dreharbeiten benötigt. Für diesen Anlass wurde die elektrische Anlage und Teile der Bremsanlage instandgesetzt, so dass Fahrten aus eigener Kraft wieder möglich sind. Dabei stellten wir fest, dass auch abseits der schadhaften Holztüren viel Arbeit investiert werden muss, bevor der Zug wieder einsetzbar ist.

Technische Daten
Bauart Stadtbahn
Baujahr 1928
Einsatzzeit 1928 – 1987, danach Museumszug
Antriebsleistung 360 kW (4 x GBM 700)
Höchstgeschwindigkeit 80 km/h
Wagenlänge (über Kupplung) 35.460 mm (Viertelzug)
Sitzplätze  
Zustand wie bei Auslieferung 1928 mit dritter und edler zweiter Wagenklasse; funktionsfähig

 


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